Regionales Wirtschaften in einer globalisierten Welt

 


Vier ExpertInnen verschiedenster Herkunft diskutieren mit den SchülerInnen

v.l.n.r.: Kaspanaze Simma (Bauer und ehemaliger Politiker), Veronika Spielbichler (Obfrau des Unterguggenberger-Instituts Wörgl), Björn Rasmus ("Bio vom Berg" - Bioalpin, HR Franz Rauter (Leiter der Abteilung Raumordnung und Statistik im Amt der Tiroler Landesregierung)

Das Wissen über das Wirken unseres Geldsystems sowie von Komplementärwährungen steht leider nicht am Stundenplan der österreichischen Schulen. Die hlfs Kematen zählt allerdings zu jenen höher bildenden Schulen, die das Thema dank des Engagements von Lehrpersonen auch im Unterricht behandeln. So organisierte Dr. Paul Brugger am 22. April 2009 zum zweiten Mal für die SchülerInnen der Abschluss-Maturaklassen einen Projekttag, diesmal unter dem Motto "Regionales Wirtschaften in einer globalisierten Welt".


Zukunftschance Landwirtschaft

"Im Mittelpunkt stehen Fragen nach einer verstärkten endogenen Regionalentwicklung und der Zukunft der ländlichen Räume Westösterreichs, im Speziellen Zukunftschancen der Landwirtschaft", so Paul Brugger. Die SchülerInnen wurden auf den Projekttag schon im Unterricht in den Gegenständen "Ländliche Entwicklung und regionales Management" sowie "Volkswirtschaft" vorbereitet. Der Projekttag selbst startete mit der Vorführung der Filme "We feed the World" von Erwin Wagenhofer (die Kino-Doku Wagenhofers über unser Geldsystem "Let´s make Money" wurde schon vorher gemeinsam angesehen) sowie mit der Dokumentation "Der Waldviertler", die 2007 im Rahmen des Projektes Sozialökologische Wirtschaftspartnerschaft entstanden ist und über die 2005 gestartete Waldviertler Regionalwährung informiert.
In vier Arbeitsgruppen beschäftigten sich SchülerInnen dann intensiv mit Fragen zu den angebotenen Sachgebieten und loteten Möglichkeiten regionalen Handelns und Wirtschaftens aus. Rund 60 % der SchülerInnen leben im elterlichen Landwirtschaftsbetrieb und sind mit der sinkenden Einkommenslage der Bauern konfrontiert. Wie kann die Berglandwirtschaft im globalen beinharten Wettbewerb überleben? Hilfe bietet alles, was regionale Strukturen und das Bewusstsein für regionale Wirtschaftskreisläufe stärkt.
Björn Rasmus vom Vermarktungsunternehmen "Bio vom Berg" Bioalpin Gen.b.H. (www.biovomberg.at) sieht Chancen in der Spezialisierung auf Nischenprodukte sowie in der Bio-Schiene. Seine Vision für die Zukunft ist, dass ganz Tirol 2020 eine Bioregion ist und bestehende Verteilungsprobleme auf der Welt gelöst sind.
Auf das Spannungsfeld der Interessenskonflikte in der Tiroler Raumordnung ging HR Franz Rauter ein und zeigte die Schwierigkeiten für die Zukunft auf. Ein Viertel der als Siedlungsraum nutzbaren 12 % der Tiroler Landesfläche sind bereits verbaut mit Verkehrsflächen, Gebäuden, Freizeitanlagen etc. Als "nicht nachvollziehbar" wertet er den Boom zum Golfplatzbau. Die Spielbahnen sind stark denaturiert, mit Neubewilligungen gehe man restriktiv um und beim Bau müssten Rücklagen für die Renaturierung bereits angelegt werden. Rauter sieht große Chancen für die Entwicklung des ländlichen Raumes, wobei dazu auf regionaler Ebene Stärken und Schwächen bewusst gemacht werden und mit regional unterschiedlichen Konzepten reagiert werden sollte.
Welche Möglichkeiten zur Regionalentwicklung Komplementärwährungen liefern können, brachte Veronika Spielbichler vom Unterguggenberger Institut Wörgl den MaturantInnen nahe. Zusätzlich zum bestehenden Geldsystem verwendete Zahlungs- und Verrechnungsmittel eignen sich besonders gut, um Strukturen der Nähe zu stärken und die Grundversorgung mit Lebensmitteln, Energie aus erneuerbaren Rohstoffen und Betreuungsdiensten abzudecken.


Selbstversorgung verringert den Druck zum Geldverdienen

Dass mit einer florierenden Regionalwirtschaft auch die Entstehung von Arbeitsplätzen verbunden sein kann, schilderte Kaspanaze Simma. Die Landwirtschaft biete eine große Fülle von Tätigkeitsbereichen, wobei der Vorarlberger Bauer ein Plädoyer für die Selbstversorgung sowie für die Nutzung der Sonnenenergie in vielfacher Weise - nicht nur zur Strom- und Wärmeerzeugung - hielt. Die industrialisierte Landwirtschaft zerstört den Boden. Humusaufbau werde immer wichtiger, um unsere Lebensgrundlage zu erhalten. Ein gesunder Boden komme durch gesunde Lebensmittel nicht nur dem Menschen zu Gute, sondern auch dem Klima: Durch die Nutzung von Sonnenenergie könne Humus aufgebaut und CO2 im Boden gebunden werden.
Der Bauer, der zu den Gründungsvätern der Grünen in Österreich zählte, sieht in der modernen, technisierten Landwirtschaft einen energetischen Rückschritt. Durch den Maschineneinsatz sei heute der Energieaufwand zur Produktion der Lebensmittel viel höher als vor 100 Jahren. Kaspanaze Simma ermutigte die Jugendlichen zu einer autonomen Lebensweise: Bedürfnisse könne man abspeisen oder befriedigen - wobei Letzteres mit dem Vergnügen an die Erinnerung des eigenen Handelns verbunden sei. Gemeinschaft ist dadurch aber nicht ausgeschlossen - im Gegenteil: "Das Angewiesensein aufeinander ist eine gute Basis für Gemeinschaft. Es verringert die Gefahr der Vergeldlichung. Wir brauchen wieder viel mehr Menschen, die nicht marktabhängig sind."


Veronika Spielbichler

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung (Mitteilung) trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben



 

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